Die Rolle der öL- & GASINDUSTRIE: gestern, …
Seit den späten 1970er-Jahren sahen Öl- und Gaskonzerne wissenschaftliche Berichte zum menschengemachten Klimawandel als Bedrohung für ihr Geschäft. Um Massnahmen gegen den Klimawandel zu verhindern und ihr Geschäft zu erhalten, starteten sie Desinformationskampagnen. Diese zielten darauf ab, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum menschengemachten Klimawandel zu leugnen oder zu vertuschen.
Die Konzerne liessen sich dabei von Kommunikationsexperten unterstützen, die z.T. schon der Tabakindustrie erfolgreich geholfen hatten, die Risiken des Rauchens herunterzuspielen. Diese strategische Desinformation führte dazu, dass bis in die frühen 2000er-Jahre der menschengemachte Klimawandel in der Öffentlichkeit als wissenschaftlich umstritten galt und notwendige Klimaschutzmassnahmen verzögert wurden.

Beispiel Exxon, Ende 1970er-Jahre: «Exxon Knew» – EXXON WUSSTE es
Spätestens seit Ende der 1970er-Jahre wusste einer der weltgrössten Öl- und Gaskonzerne durch eigene Forschung, dass die Verbrennung fossiler Energieträger den Klimawandel verursacht.
«Der Menschheit steht noch ein Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren zur Verfügung, bevor konkrete Entscheidungen hinsichtlich Veränderungen von Energiestrategien dringend erforderlich werden könnten.» James F. Black, führender Wissenschaftler bei Exxon, an das Management 1977/78
1982 legte M.B. Glaser, der Manager für Umweltfragen, seine Ergebnisse dem Management vor – mit erstaunlich exakten Prognosen. Das Dokument dürfe für Diskussionen verwendet werden, aber nicht nach aussen gelangen. In dem Report schreibt er, dass die Eindämmung des menschengemachten Treibhauseffekts eine Verringerung der Verbrennung fossiler Brennstoffe erfordere und dass eine Erwärmung möglicherweise nicht umkehrbar sei.
Statt die Öffentlichkeit aufzuklären, die Ölförderung zu bremsen und in alternative Energien zu investieren, stellte Exxon seine Forschung zum Klimawandel Ende der 1980er-Jahre ein. Exxon, bzw. ab 1999 ExxonMobil, baute die Ölförderung immer weiter aus und verfolgte bis Mitte der 2000er-Jahre eine Strategie gezielter Desinformation. Gemeinsam mit anderen Interessenvertreter säten sie Zweifel am wissenschaftlichen Konsens, finanzierten mit zweistelligen Millionenbeträgen die Verbreitung von Desinformation und verwirrten die Öffentlichkeit, um politische Massnahmen gegen den Klimawandel zu verhindern (Union of Concerned Scientists, 2015).
Quellen: Supran, G. et al., 2023, Science; BP-Logos: Wikipedia. Die textlichen Inhalte stammen fast ausschliesslich aus: KLIMA_X, eine Ausstellung des Museums für Kommunikation, Frankfurt am Main, 2022.

Auszüge aus dem internen Bericht zum CO₂-Treibhauseffekt des Exxon-Managers für Umweltfragen M.B. Glaser, 1982
Deutsche Übersetzung der gelb markierten Textstellen:
BEgleitschreiben
«Das Material wurde dem Exxon-Management breit zur Verfügung gestellt und soll das Exxon-Personal mit dem Thema vertraut machen. Es kann als Grundlage für die Diskussion des Themas mit Aussenstehenden verwendet werden, wenn dies angebracht ist. Es sollte jedoch auf die Mitarbeitenden von Exxon beschränkt bleiben und nicht nach aussen getragen
werden.»
SEITE 2
«Es ist unwahrscheinlich, dass der «Treibhauseffekt» wesentliche klimatische Veränderungen verursacht, solange die globale Durchschnittstemperatur nicht um mindestens 1 °C über das heutige Niveau steigt. Dies könnte im zweiten bis dritten Quartal des nächsten Jahrhunderts der Fall sein. Einige wissenschaftliche Gruppen befürchten jedoch, dass die Auswirkungen, sobald sie messbar sind, nicht mehr rückgängig gemacht werden können und dass kurzfristig wenig getan werden kann, um die Situation zu korrigieren. Daher fordern einige Umweltgruppen, jetzt zu handeln, um zu verhindern, dass sich in Zukunft eine unerwünschte Situation entwickelt.»
«Die Eindämmung des «Treibhauseffekts» würde eine erhebliche Verringerung der Verbrennung fossiler Brennstoffe erfordern.»
«Grundlegende Änderungen des Energieverbrauchs jetzt vorzunehmen, um dieses potenzielle Problem (Klimawandel) trotz wissenschaftlicher Unsicherheiten anzugehen, wäre angesichts der schwerwiegenden Auswirkungen, die solche Massnahmen auf die Wirtschaft und die Gesellschaften haben könnten, verfrüht.»
ABBILDUNG 3, SEITE 7
«ZUNAHME DES ATMOSPHÄRISCHEN CO₂ UND ANSTIEG DER WELTWEITEN DURCHSCHNITTSTEMPERATUR ÜBER DIE ZEIT»
Kommentar:
Die von Exxon erstellte Abbildung zeigt die Abschätzung des Temperaturanstiegs infolge der Nutzung ihrer fossilen Energieprodukte. Sie schätzten, dass die Temperatur um 2050 herum ca. +1.7°C höher liegen wird als um 1980. Im Jahr 1979 hielt Exxon bereits intern fest, dass dies gemäss gegenwärtiger Klimamodelle bis 2055 «zu dramatischen klimatischen Veränderungen führen» wird (interner Bericht Exxon, 1979).

BP-Logo 1989-2000 / BP-Logo seit 2000
Beispiel BP, 2004: «Kennen Sie Ihren persönlichen CO₂-Fussabdruck?»
Als einer der ersten Ölkonzerne vollzog BP eine Kehrtwende und begann, aktiv über Umwelt- und Klimafragen zu sprechen. Der Konzern verfolgte damit das Ziel, von der Öffentlichkeit als Teil der Klimalösung wahrgenommen zu werden.
So verbreitete BP mit einer gross angelegten Imagekampagne ab 2004 den persönlichen «CO₂-Fussabdruck-Rechner» und bot damit vermeintlich ein Hilfsmittel für individuellen Kilmaschutz. Damit lenkte das Unternehmen die Aufmerksamkeit allerdings weg von der eigenen Verantwortung und wälzte diese auf Einzelpersonen ab.
Die individuellen Überlegungen über die persönlichen Emissionen sind zwar nötig, um Klimaschutz in der Breite zu verankern, doch braucht es zugleich entschlossene, weitreichende Massnahmen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene.
ZEichen des IMAGEwechsels
Um das Jahr 2000 herum begann BP, sich ein grünes Image zu geben, und deutete seinen Namen um: von «British Petroleum» zu «beyond petroleum» – übersetzt: jenseits von Erdöl. Das neue Logo erinnert an eine Sonne und sollte auf ein Ende des fossilen Zeitalters hinweisen. Doch in der Realität investierte BP weiterhin viel mehr Geld in die Förderung fossiler Energien als in klimaschonende Alternativen.
Dies ist ein typisches Beispiel für Greenwashing: Die Öffentlichkeit wird dazu verleitet zu glauben, dass Produkte oder Geschäftspraktiken des Unternehmens umweltfreundlicher sind, als sie es in Wirklichkeit sind.
… HEUTE & morgen
Zentrale Akteure der Öl- und Gasindustrie bremsen nach wie vor den notwendigen Wandel hin zu einer klimafreundlichen Gesellschaft. Zwar präsentieren sich viele Konzerne nach aussen hin umweltbewusst, doch internationale Studien zeigen, dass weiterhin ein erheblicher Teil ihrer Investitionen in neue fossile Projekte fliesst.
VERZÖGERUNG STATT LEUGNUNG
Während früher die Leugnung des Klimawandels im Vordergrund stand, dominiert heute eine Strategie der Verzögerung. Dabei wird öffentlich betont, dass Klimaschutz zwar grundsätzlich nötig sei, konkrete Massnahmen jedoch zu teuer, ineffektiv oder nicht dringlich seien. Diese Verzögerungsrhetorik («Climate Delay») wirkt oft unsichtbar für die breite Öffentlichkeit, ist laut wissenschaftlicher Untersuchungen jedoch sehr wirksam. Es handelt sich nicht bloss um einzelne «Fake News», sondern um langfristig angelegte Strategien zur Beeinflussung von Meinungen, Politik und Gesetzgebung – meist im Sinne fossiler Wirtschaftsinteressen. Ziel ist es, politische Entscheidungen zu verzögern, abzuschwächen und gesetzliche Vorgaben zu verwässern.
Studien zeigen, dass Teile der Öl- und Gasindustrie Netzwerke aus wirtschaftsliberalen Denkfabriken, Kommunikationsagenturen und politischen Interessengruppen fördern. Diese Akteure fordern weniger staatliche Eingriffe und mehr Marktfreiheit.
Einige dieser Organisationen äussern sich öffentlich kritisch gegenüber Klimaschutzgesetzen, CO₂-Bepreisung oder dem Ausbau erneuerbarer Energien. Sie fördern teils auch Massnahmen, die den Zugang zu relevanten Daten und wissenschaftlichen Erkenntnissen einschränken. Dazu gehört, dass Umwelt- oder Klimadaten weniger transparent bereitgestellt, die Veröffentlichung von Berichten verzögert oder Forschungsetats gekürzt werden.
Darüber hinaus werden Klimaforschende persönlich angegriffen, um ihre Glaubwürdigkeit herabzusetzen. Zudem tragen manche Netzwerke durch gezielte Einflussnahme dazu bei, dass Klimaproteste als Bedrohung wahrgenommen werden – was in manchen Fällen zu besonders hohen Strafen für Klimaaktivist:innen führt.
Diese Praktiken können auf Fakten basierte Entscheidungsprozesse erschweren sowie die öffentliche
Debatte beeinflussen.
Quellen (u.a.): Brulle, R. J., 2018; Franta, B., 2021; International Monetary Fund, 2023; IPCC AR6 WIII (Kapitel 16), 2022; The Guardian, 2024; Union of Concerned Scientists, 2015
WIE DER WANDEL TROTZDEM GELINGT
Trotz aller Bremsversuche schreitet der Übergang zu einer klimafreundlichen Gesellschaft voran. Technische Lösungen existieren, die gesellschaftliche Unterstützung wächst und der politische Rahmen ist bekannt. Die Abbildung zeigt die verschiedenen Phasen des nachhaltigen Wandels im Bereich Technologie, wenn er durch unser Verhalten unterstützt wird:

WIE WEITER MIT DER Öl- UND GAS-INDUSTRIE?
Wie können Öl- und Gaskonzerne ernsthaft zur Transformation in eine nachhaltige Zukunft beitragen? Können sie für Umwelt- und Klimaschäden, Desinformation und Greenwashing zur Rechenschaft gezogen werden? Haben rechtliche Klagen Wirkung?
Was hindert Konzerne am weiteren Ausbau fossiler Energien, solange sie hohe Gewinne erzielen und kaum staatlich reguliert werden?
Wie lässt sich verhindern, dass sie weiterhin massive Subventionen erhalten – 2022 weltweit bis zu 7 Billionen US-Dollar – und wie kann dieses Geld stattdessen in erneuerbare Energien gelenkt werden?
EINE SCHWIERIGE DISKUSSION: DIE KOOPERATION zwischen UniversitäteN und öL- UND Gaskonzernen
Öl- und Gasunternehmen können durch Wissen und Technologie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Ein Beispiel ist die Speicherung von CO₂ im Untergrund in fast erschöpften Öl- und Gasreservoiren. Sollen Hochschulen zu diesem Zweck weiterhin Geldbeträge von Öl- und Gaskonzernen akzeptieren und mit ihnen zusammenarbeiten? Oder besteht so eine Gefahr für die wissenschaftliche Unabhängigkeit und Reputation?