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Klimaschutz ?
Ja, aber…

Viele wollen das Klima schützen. Aber warum tun wir nicht hier und jetzt das, was notwendig wäre? Eine Erklärung ist: Wir sind gut im Finden von Gründen, es nicht zu tun: Nicht so, nicht jetzt, nicht ich, es ist eh zu spät.

Infografik: Klimaausreden – Rad mit typischen Ausreden wie Perfektionismus, Schuldzuweisungen, Technikoptimismus, Verdrängung und Resignation.

Die Grafik zeigt eine Hand, die ein Smartphone hält, auf dem „Perfektionismus“ als Beispiel für eine Klimarede steht: „Nur perfekte Lösungen sind die richtigen Lösungen! Zum Beispiel sparen Elektroautos zwar CO₂, verursachen aber auch Probleme wie den schädlichen Rohstoffabbau für die Batterien.“ Daneben ist ein farbiges Rad mit Segmenten, die verschiedene Ausreden und Denkweisen darstellen: „Wir können sowieso nichts tun“, „Die anderen sollen zuerst“, „Verdrängung“, „Einschüchternder Wandel ist nicht realistisch“ und weitere. Jedes Segment enthält kurze Erklärungen und Übersetzungen ins Englische. Die Grafik illustriert typische mentale Blockaden im Umgang mit Klimaschutz.

Drehe das Rad in der Ausstellung…

… und finde heraus, was typische Klima-Ausreden sind, wieviel ­Wahrheit dahintersteckt und wie man dagegen argumentieren kann – zum Anregen und Weiterdenken.

Grafiken: Studio Nippoldt

PERFEKTIONISMUS

«Nur perfekte Lösungen sind die richtigen Lösungen! Zum Beispiel sparen Elektroautos zwar CO₂, verursachen aber auch Probleme wie den schädlichen Rohstoffabbau für die Batterien.»

JA

Bisherige Lösungen zur Reduktion von CO₂-Emissionen sind nicht perfekt und bei einigen gibt es noch viele Unklarheiten.
Zudem ist es bei der Umsetzung solcher Lösungen wichtig, nebst der CO₂-Reduktion auch andere Umweltaspekte und soziale Auswirkungen zu berücksichtigen.

ABER

Unser Zeitfenster für die dringend notwendige Reduktion von CO₂ und anderen Treibhausgasen ist begrenzt. Sollten wir daher nicht bestehende Lösungen verantwortungsvoll umsetzen und weiter- entwickeln – etwa das Recycling wertvoller Rohstoffe – und gleichzeitig nach weiteren, neuen Ansätzen forschen? Die eine perfekte Lösung wird es nicht geben. Wer darauf wartet, ignoriert den fortschreitenden Schaden, den unsere Untätigkeit verursacht.

FORTSCHRITTSVERSPRECHEN

«Fossile Energieträger werden für die Entwicklung benötigt und bringen Wohlstand. Wenn man sie verteufelt, nimmt man ärmeren Ländern ihre Entwicklungschancen.»

JA

Fossile Energieträger spielen bis heute eine Schlüsselrolle für die wirtschaftliche Entwicklung und alle Länder sollten davon profitieren können.

ABER

Für eine lebenswerte Zukunft muss die Entwicklung überall langfristig ohne fossile Energieträger auskommen. Schwellenländer haben die Chance, direkt auf nicht-fossile Energieträger zu setzen («Leapfrogging» = Entwicklungsstufen auslassen – wie z.B. Kenia). Dies bietet Vorteile wie eine grössere Energieunabhängigkeit, langfristig niedrige Kosten und eine geringe lokale Luftverschmutzung. Für eine solche Entwicklung benötigen sie aber finanzielle Unterstützung von höher entwickelten Ländern.

ÄRMERE ALS SCHUTZSCHILD

«Klimaschutzmassnahmen sind teuer und ungerecht, weil sie die ärmsten Menschen am stärksten belasten. Sollen sie nur hart arbeiten, aber nicht mehr zur Erholung in den Urlaub fliegen können? Und kein Auto haben?»

JA

Konkrete Klimaschutzgesetze wie eine CO₂-Abgabe auf fossile Brenn- und Treibstoffe können einzelne Personen unterschiedlich belasten.

ABER

Menschen mit hohen Einkommen zahlen absolut betrachtet höhere Abgaben, da sie z.B. mehr fliegen und grössere Häuser besitzen. Die Einnahmen aus CO₂-Abgaben werden meist gleichmässig zurückverteilt, wovon einkommensschwächere Haushalte profitieren. Dennoch begünstigen manche Regelungen Wohlhabende, etwa Immobilien- besitzende. Doch Klimaschutz ist unerlässlich – und er muss sozial gerecht sein. Denn gerade die Schwächsten sind vom Klimawandel am stärksten betroffen und haben weniger Möglichkeiten, sich anzupassen.

SORGE UM DIE WIRTSCHAFT

«Klimaschutzmassnahmen sind teuer, schaden der Wirtschaft und somit uns.»

JA

Klimaschutz gibt es nicht geschenkt. Und man kann nachvollziehen, dass heutige Investitionen in Klimaschutzmassnahmen unattraktiv wirken können, da die Vorteile oft nicht unmittelbar spürbar sind.

ABER

Oft sind vor allem die Anfangsinvestitionen für Klimaschutzmassnahmen hoch, während die langfristigen Kosten deutlich geringer sind als bei klimaschädlicheren Alternativen. Hinzu kommt, dass technologische Massnahmen umso günstiger werden, je breiter sie eingesetzt werden («Skalierung» / «Scaling up»). Generell muss betont werden, dass der Klimawandel bereits heute grosse Probleme und hohe Kosten verursacht. Wenn wir nicht bald mit konsequentem Klimaschutz beginnen, werden die Probleme grösser sowie die klimabedingten Schäden und Anpassungs- und Vorbeugungs- massnahmen immer teurer.

TRITTBRETTFAHRER-ENTSCHULDIGUNG

«Wenn wir unsere CO₂-Emissionen senken, schwächt das unsere Wirtschaft; andere Länder werden nicht mitmachen und uns dann überholen.»

JA

Solange nicht alle Individuen, Industrien und Länder sich bemühen, CO₂-Emissionen zu senken, wird es solche geben, die kurzfristig davon profitieren, keine Massnahmen zu ergreifen.

ABER

Wir sind an einem Punkt, an dem wir keine Zeit mehr haben, einfach abzuwarten. Die Probleme sind klar und Lösungen sind vorhanden. Nun liegt es an allen, ihr Möglichstes beizutragen und ihre Versprechen einzuhalten. Zudem können Länder und Akteure, welche frühzeitig wirksame Klimaschutzmassnahmen ergreifen, langfristig von Vorreitervorteilen profitieren: Sie können z.B. bei einer Verschärfung der Vorschriften oder bei steigender Nachfrage nach nachhaltigen Produkten oder Dienstleistungen ihre Expertise oder Technologien gewinnbringend verkaufen.

SCHULD ABSCHIEBEN

«Unser CO₂-Ausstoss ist winzig im Vergleich zu den Big-Playern wie China oder die USA. Bevor sie nicht handeln, ist es sinnlos, etwas zu tun.»

JA

Die USA haben bis heute insgesamt mehr CO₂ emittiert als jedes andere Land. China führt seit 2006 die jährlichen Emissionen an – mit weiter steigender Tendenz.

ABER

Damit lässt sich unser Einfluss keinesfalls verharmlosen. Ein:e Schweizer:in verursacht nämlich im In- und Ausland jährlich durch- schnittlich rund 13 Tonnen CO₂-Emissionen. Das sind beinahe 3-mal so viele Emissionen wie der weltweite Durchschnitt, 6.5-mal so viele Emissionen wie eine Person in Indien und 22-mal mehr als eine Person in Kenia verursacht. Hätte die Schweiz die gleiche Einwohnerzahl wie China, wäre unser Verbrauch doppelt so hoch wie derjenige Chinas.

EIGENLOB

«Ich bin schon sehr umweltfreundlich: Z.B. recycle ich fleissig und vermeide Plastik. Da darf ich wohl ab und zu mal in die Ferien fliegen.»

JA

Recyceln und Plastik vermeiden sind sehr wichtig, gut für die Umwelt und zu Recht kann man stolz darauf sein.

ABER

Flugreisen schaden dem Klima sehr. Ein Langstreckenflug (hin und zurück) verursacht pro Person 2–3 Tonnen Treibhausgase. Durch Recycling und Plastikmüllvermeidung kann eine Person pro Jahr ca. 0.02 Tonnen Treibhausgase einsparen. Wenn man klimafreundlich sein will, lohnt es sich deshalb auch zu fragen: Wiege ich wichtige kleine Massnahmen mit grossen Massnahmen auf, um mich selbst zu überlisten?

NUR EIN TROPFEN AUF DEN HEISSEN STEIN

«Ich als einzelne Person kann eh nichts ausrichten. Das ist Job der Politik und der Industrie.»

JA

Ein Grossteil der Treibhausgasemissionen kann von Einzelpersonen nicht direkt beeinflusst werden und erfordert Veränderungen in Industrie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Politik.

ABER

Ohne Veränderungen auch im eigenen Verhalten werden wir die Klimakatastrophe nicht eindämmen können. Denn jede persönliche Entscheidung beeinflusst sowohl den eigenen CO₂-Fussabdruck als auch das Gesamtsystem. Beispielsweise kann man durch Verzicht auf klimaschädliche Produkte, durch klimafreundliche Investitionen und Unterstützung guter Klimapolitik grossen Einfluss nehmen.

UNTERGANGSHINGABE

«Egal, was wir noch tun ‒ die Klimakatastrophe kommt. Es ist zu spät. Wir sollten uns darauf fokussieren, uns anzupassen und unser Schicksal in die Hände von Mutter Natur legen.»

JA

Wir haben bereits irreversible Schäden angerichtet und wir müssen grosse Anstrengungen machen, um die Erwärmung nahe 1.5 °C oder 2 °C zu halten. Anpassungsmassnahmen sind zwingend notwendig.

ABER

Wollen wir deshalb den Klimaschutz wirklich schon aufgeben, obwohl wir wissen, dass jede geringste weitere Erwärmung die negativen Konsequenzen des Klimawandels verstärken werden? Wäre das nicht unfair gegenüber jenen, die bereits heute von den Konsequenzen betroffen sind, genauso wie gegenüber denjenigen, die es noch sein werden, wie unsere Kinder?

VERÄNDERUNG IST UNMÖGLICH

«Menschen sind bequem und wollen nicht verzichten. Alles, was gegen den Klimawandel helfen würde, ginge gegen die menschliche Natur und entgegen unserer heutigen Lebensweise.»

JA

Bei Klimaschutzmassnahmen wird oft von Verzicht und von Einschränkung der Freiheiten gesprochen – und niemand verzichtet gerne.

ABER

Statt Klimaschutz als Verzicht zu sehen, sollten wir ihn als Tausch begreifen – für eine gesündere, lebenswerte Zukunft. Ein Beispiel: Parkplätze weichen Spielstrassen und schattenspendenden Bäumen. Besser, wir handeln jetzt freiwillig, bevor uns eine geschädigte Umwelt zum Handeln zwingt. Unsere Lebensweise ändert sich ohnehin ständig. Klimafreundliche Lebensweisen sind in vielen Bereichen aber auch ohne spürbaren «Verzicht» möglich: Mobilität mit Zug oder E-Auto und erneuerbare Heizsysteme bieten Möglichkeiten und Komfort ohne Klimaerwärmung.

ÜBERFORDERUNG

«Die Welt steht in Flammen und niemand unternimmt etwas dagegen. Ich bin wütend, fühle mich schuldig, hilflos und habe Angst. Diese Gefühle blockieren mich dabei, irgendetwas zu tun.»

JA

Klimaangst, aber auch Wut, Frust und Hoffnungslosigkeit sind nachvollziehbare Reaktionen auf ein reales Problem und sie nehmen zu – insbesondere bei jungen Menschen.

ABER

Um unser Wohlbefinden und das anderer zu schützen, sollten wir negative Emotionen ernst nehmen, teilen und als Antrieb für gemeinsames Handeln nutzen. So entstehen stattdessen Selbstwirksamkeit, Hoffnung und Freude. Zudem gibt es auch gute News: Viele Länder senken seit Jahren ihre Emissionen, Investitionen in erneuerbare Energien übersteigen die in fossile. Wir sind zwar noch nicht am Ziel, aber auf dem Weg.

KEINE PEITSCHE, NUR ZUCKERBROT

«Vorschriften und Regeln verschrecken die Leute nur. Man sollte auf Anreize und freiwillige Selbstverpflichtung setzen.»

JA

In der Schweiz zeigt sich bei Abstimmungen, dass die Bevölkerung Vorschriften generell skeptisch gegenübersteht. Deshalb können Anreize für freiwilliges klimafreundliches Handeln durchaus wirksam sein – sofern Motivation, Möglichkeiten und Mittel dafür vorhanden sind.

ABER

Die Erfahrung zeigt, dass Anreize wie z.B. Subventionen für klimafreundliche Lebens- mittel allein nicht ausreichen. Sie sollten daher mit verbindlichen Vorschriften kombiniert werden: möglicherweise mit einer CO₂-Kennzeichnung von Lebensmitteln? Zudem gibt es zahlreiche Vorschriften in der Schweiz, die trotz anfänglicher Widerstände mittlerweile selbstverständlich sind (z.B. Gewässerschutzgesetz, Rauchverbot in Restaurants).

REDEN STATT HANDELN

«Wir haben uns bereits ein sehr ehrgeiziges Ziel gesetzt, denn wir haben uns verpflichtet, bis spätestens 2050 alle CO₂-Emissionen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren; und den Rest holen wir mit Technologien wieder aus der Atmosphäre heraus.»

JA

Ambitionierte Klimaziele sind ein elementarer Schritt, da sie z.B. signalisieren, dass sich Investitionen in fossile Energieträger langfristig nicht mehr lohnen (sollen).

ABER

Dem Klima nützen grosse Worte nichts, wenn keine Taten folgen. Viele Länder mit hohen CO₂-Emissionen setzen sich ehrgeizige Ziele, doch es fehlt an ausreichenden Massnahmen und deren schneller Umsetzung – obwohl Lösungen da wären. Kurzfristiges Denken und mangelnde Zusammenarbeit stehen im Weg. Es braucht daher die Unterstützung und den klaren Auftrag der Wähler:innen sowie eine kritische Prüfung der gemachten Versprechen, der getroffenen Massnahmen und ihrer tatsächlicher Wirksamkeit.

BRÜCKENTECHNOLOGIE

«Fossile Energieträger sind Teil der Lösung, hocheffizient und die Brücke zur kohlenstoffarmen Zukunft.»

JA

Wir können nicht von heute auf morgen alle fossilen Energieträger ersetzen und es wird eine Übergangszeit geben, in der fossile und nicht-fossile Energieträger parallel eingesetzt werden.

ABER

Um das Klima und uns ausreichend zu schützen, ist ein rascher Ausstieg aus fossilen Energieträgern unabdingbar. Und deshalb ist es auch nicht mehr angemessen, fossile Energieträger als «Brückenkraftstoff» zu bezeichnen.

TECHNOLOGIE-OPTIMISMUS

«Neue Technologien werden das Klima retten und wir können so weitermachen wie bisher.»

JA

Technologischer Fortschritt wird eine wesentliche Rolle spielen, wenn wir das Risiko und die Auswirkungen einer Klimakatastrophe ein- dämmen wollen, z.B. die emissionsarme Strom- und Energieerzeugung, die CO₂-Abscheidung und -Speicherung oder Technologien zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels.

ABER

Technologien allein reichen nicht aus. Denn die Möglichkeiten neuer Technologien und ihre gesellschaftliche Akzeptanz werden zu Beginn ihrer Entwicklung oft überschätzt sowie potenzielle negative Folgen unter- schätzt bzw. vernachlässigt. Auch sind z.B. in Bereichen wie Ernährung, Konsum oder Mobilität trotz technologischer Fortschritte persönliche Verhaltensänderungen notwendig. Diese ebnen auch den Weg, um als Gesellschaft auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene die nötigen Änderungen mitzutragen.

KLIMAWANDEL IST NATÜRLICH

«Das Klima hat sich doch schon immer verändert. Und sowieso, Pflanzen brauchen ja CO₂!»

JA

Das Klima hat sich schon immer verändert. Und klar ist CO₂ Teil des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs, zu dem auch die Photosynthese der Pflanzen gehört, bei welcher CO₂ benötigt wird und durch die wir Sauerstoff bekommen.

ABER

Noch nie hat sich das Klima in der Geschichte des Menschen so schnell und stark verändert. Es ist unumstritten, dass der Mensch dafür verantwortlich ist. Während uns die Anpassung an diese Veränderungen schon enorm heraus- fordert, ist sie für die Tier- und Pflanzenwelt oft unmöglich. Das Problem ist nicht das CO₂ selbst, sondern die Menge an zusätzlichem CO₂ und anderen Treibhausgasen, die durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden. Dadurch steigen die Temperaturen und die natürlichen Kreisläufe geraten aus dem Gleichgewicht – mit schwerwiegenden Folgen für das Leben auf der Erde.