WENN DER BERG KOMMT STATT RUFT
In den Alpen treten regelmässig grosse Naturereignisse auf, die die Menschen vor grosse Herausforderungen stellen. Mit fortschreitendem Klimawandel werden Gletscherabbrüche, Bergstürze, Lawinen und Überschwemmungen immer häufiger. Anpassungen sind nötig, um den Alpenraum auch künftig sicher bewohnbar und nutzbar zu halten.
Ob und wann Felswände instabil werden, wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst: u.a. Topographie, Gesteinsbeschaffenheit, Schwächezonen, Permafrost, Frost- und Tauzyklen, Gletscherschwund, Starkniederschläge, Vegetation, Erdbeben. Die Rolle des Klimawandels ist dabei oft indirekt, was es schwierig macht, seinen Einfluss genau zu quantifizieren.
Beim Spitzen Stein oberhalb von Kandersteg sind sich die Expert:innen jedoch einig: Der sich erwärmende alpine Permafrost trägt zur Destabilisierung der Felsmassen am Hang bei. Aufgrund des fehlenden Permafrostes kann vermehrt Wasser ins Gestein eindringen, wodurch sich die Bewegung der Felsmassen beschleunigt. Beim Spitzen Stein werden heute Rutschgeschwindigkeiten von bis zu mehreren Metern pro Jahr gemessen. Die Gemeinde Kandersteg hofft, dass die 16 Millionen Kubikmeter Gestein nur stückweise abbrechen und die getroffenen Schutzmassnahmen ausreichen, damit es im Tal nicht zu einer Katastrophe kommt.

Am Spitze Stei (Spitzer Stein) oberhalb von Kandersteg im Kanton Bern rutscht eine instabile Bergflanke im Permafrostgebiet (Primärprozess) und kann eine gefährliche Ereigniskette auslösen. Es ist zu erwarten, dass ein Teil der Flanke abbricht und sich aus den Ablagerungen bei Starkregen Murgänge im Öschibach unterhalb des Oeschinensees bilden (Sekundärprozess), die bis nach Kandersteg vordringen. Dadurch kann Geröll in der Kander ablagert werden, was den Fluss stauen und zu Überschwemmungen führen könnte (Tertiärprozess).
Grafik: basierend auf Nils Hählen (Abteilung Naturgefahren Kt. Bern); swissALTI 3D; SWISSIMAGE 10 cm (Bundesamt für Landestopografie swisstopo)
RISIKOREDUKTION BEIM SPITZEN STEIN

Grafik: basierend auf Nils Hählen (Abteilung Naturgefahren Kt. Bern); swissALTI 3D; SWISSIMAGE 10 cm (Bundesamt für Landestopografie swisstopo)

Grafik: Abteilung Naturgefahren Kt. Bern (modif.)
DIE ROLLE DES PERMAFROSTS
Der Permafrost in den Alpen erhöht meist die Festigkeit von Felsmassen und damit deren Stabilität. Er macht rund 5% der Schweizer Landesfläche aus. Sein Zustand wird laufend vom Schweizer Permafrostmessnetz PERMOS überwacht. Die Daten zeigen: Der alpine Permafrost erwärmt sich und taut aufgrund des Klimawandels zunehmend tiefer auf.
DER FALL BLATTEN
Eine Eis-Gesteins-Lawine verschüttete im Mai 2025 das Dorf Blatten im Kanton Wallis. Auch hier, am Kleinen Nesthorn, spielte der Permafrost eine wichtige Rolle. Dank eines ausgezeichneten Überwachungssystems wurde rechtzeitig vor dem Ereignis gewarnt, sodass die Einwohner:innen evakuiert werden konnten. Das Dorf wurde jedoch vollständig zerstört.
Nach der Katastrophe dreht sich die Diskussion u.a. um die Fragen, welchen Einfluss der Klimawandel auf das Geschehen hatte und wer die finanziellen Folgen trägt. Von besonderer Bedeutung ist ausserdem, wie sich katastrophale Ereignisketten künftig verlässlich vorhersagen lassen. Davon hängt auch ab, ob Risikogebiete weiterhin bewohnt werden können. Zudem wird eine Frage immer dringlicher: Sollte nach einer Katastrophe immer ein Wiederaufbau erfolgen?
Exponat

EIS-GESTEINS-LAWINE, BIETSCHHORN / BLATTEN, Wallis (2025)
Am 28. Mai 2025 wurde Blatten im Lötschental im Kanton Wallis von einer gewaltigen Eis-Gesteins-Lawine getroffen. Nach grossen Felsabbrüchen am Kleinen Nesthorn und einem Abbruch des Birchgletschers stürzten ca. 9 Mio. m3 Eis und Geröll ins Tal und verschütteten das Dorf Blatten sowie Teile des Weilers Ried. Die Gebäude des Dorfes wurden durch die Geröllmassen zerstört oder durch den vom Geröll aufgestauten Fluss Lonza überflutet.
Der schwarz markierte Bereich kennzeichnet die Sturzbahn der Fels-, Geröll- und Eismassen. Die dunkelblaue Linie markiert den Gletscherstand kurz vor dem Ereignis. Die hellblaue Linie zeigt den Gletscherstand von 1938 zur Zeit des Reliefbaus durch Eduard Imhof, seinerzeit Professor für Kartografie an der ETH Zürich.
Relief Bietschhorn 1:2000 (Eduard Imhof, 1938/1939);
Leihgabe: ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern

Foto: Fabian Neyer (Terradata AG)